Tuesday, November 15, 2005


Der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz kurz vorm Abheben zum roten Planeten Mars, wo die Utopien noch ungehindert von menschlichen Unzulänglichkeiten wachsen können.
Wollt ihr mehr über das europäische Raumfahrtprogramm ESA erfahren, dann lest auch unter:
www.lieberonlinelesen.blogspot.com

Außerdem gibt es noch das mit dem Else Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnete Theaterstück Darja in einer frischen Fassung unter:
www.darjareloaded.blogspot.com

Eine Empfehlung für alle, die gern Galerien besuchen:
bis zum 23. Dezember 2005 in der Galerie MAE, Dunckerstr. 2, 10437 Berlin, Martina Goldbeck, Ulli Lust und Kai Pfeiffer. Anschauen, es lohnt sich!!!

Wednesday, November 02, 2005

Winner
„Party, Party, du machst jedes Wochenende Party in Berlin, und kommst trotzdem auf einen grünen Zweig! Wie schaffst du das?“
Zoes Freundinnen verbergen nur mühsam ihren Neid. Aber als Langzeitstudentin der Psychologie und Statistik ist sie nicht auf den Mund gefallen.
„Wenn die Serie reißt, das Wörtchen wenn kann ich mir da eigentlich sparen, dann verkehrt sie sich natürlich in ihr Gegenteil. Wartet ab, ihr Lieben, ihr werdet mich noch früh genug bedauern! Denn eine natürliche Balance herrscht in der Welt, dass alles, was in Schieflage gerät, irgendwann zum Ausgleich drängt.“
Ihre eloquente Rede beruhigt vorerst ihre neidischen Freundinnen, aber als Erkenntnis einmal ausgesprochen, führt sie bei Zoe selbst zu schlaflosen Nächten.
„Warum kann ich immer nur nachts über mein Leben nachdenken?“
Am Morgen ist sie trotzdem hellwach. Schon wieder gewonnen, was für ein Schock! Einen gelben Kleinwagen, bei einem läppischen Gewinnspiel. Ausgefüllt vor einem halben Jahr.
„Ausgerechnet gelb! Erst einmal zugelassen, ist der im Handumdrehen tausend Euro weniger wert. Egal, wieder Glück gehabt. Hole ihn mir trotzdem ab!“
Eine unglaubliche Serie von Gewinnen, glücklichen Fügungen und Zufällen reißt seit Monaten nicht ab.
So kann es weitergehen, überlegt Zoe, die blonde Endzwanzigerin, ihr Markenzeichen bloß ein geschminktes Auge. Könnte es weitergehen, aber jeder kennt ja das Gesetz: jede Serie wird eines Tages enden. Oder?
„Muss mir was Neues einfallen lassen.“
Hat jeder Mensch etwa nur ein begrenztes Glücksbudget? Notorische Pechvögel auf jeden Fall, soviel ist klar. Allerdings sind sie selbst Schuld daran. Glauben nicht an ihr Glück, füllen nie einen Lottoschein aus und wenn doch, schreiben sie die falschen Zahlen auf. Wie soll ihr Glück da zu ihnen finden?
„Bald wird Schlimmes auf mich zu kommen, ahne es bereits. Nach der Glücks- die Pechsträhne. Allein das Ticket wegen Falschparken gestern, schon ein sicheres Zeichen. Vor kurzem hätte ich die Politessen locker überholt, gegrinst und abgebraust. Sieh an, es geht schon los, muss mich eilig vorbereiten.“
Ausnahmen in negativer Richtung bedeuten auch, dass es Ausnahmen in positiver Richtung gibt. Unser Weltbild, logisch?
„Das ist sie, meine Chance! Ist Glück eventuell ausleihbar? So dass es nicht auf mein Budget zurückfällt, wenn ich gewinne?“
Für Insider sind Partys in Berlin längst keine Freizeitvergnügen mehr, sondern harte Arbeit. Zoe hat die Idee mit der Gewinnspiel Party. Jedes Motto dient nur dem Trinkflaschenverkauf, denn Jobs gibt es hier so gut wie keine. Location und Termin sind schnell organisiert, denn alles Theoretische muss letzten Endes doch immer praktisch auf den Prüfstand.
„Was willst du übernehmen, Theke, Toilette oder Service?“
Sogar die altbackene Tupperparty wird von unsympathischen Strukturjobbern in öden Stadtrandbezirken zäh am Leben gehalten. Nur zu, solange sich Oma Spar nicht an altem, aufbewahrtem Essen vergiftet!
„Flyer im Kopierladen organisiert?“
„Müssen noch verteilt werden!“
Neue Partys sind in. Kuschelpartys für Menschen mit Defizit an Nähe, Ficken verboten. Wahlweise mit oder ohne Haustier. Schlafpartys mit oder ohne Schlaftablette, geeignet für gestresste Start-Up Unternehmer. Auch Kunst gegen bares ist en vogue, gesponsert von der Workshopszene.
„Gähn!“
Beliebt zum Geldverdienen sind Abzocke Partys für Touristen. Irgendein geheimnisvolles Motto und die Preise glatt verdoppelt, wie in Berlin Mitte. Die insofern Eingemachten merken nichts, sind nach dem Wochenende abgereist. Wurde da jemand über den Tisch gezogen? Kein Problem, in Düsseldorf und München ist alles teurer.
„Das probieren schon zu viele.“
Ehemalige Freunde, die sie schon lange aus ihrem Handy Adressbuch gestrichen hatte, melden sich unvermittelt wieder. Zoes Gewinnspiel Party entwickelt die Aura des Neuen, sieht man von gewissen Gala Tombola Anlässen ab, wie Reich spendet für Arm, oder besser Fressen für die Armen.
Jeder Kiez in Berlin sein eigenes Dorf.
„Haben wir genügend Gewinnspiele gesammelt?“
„Die gibt es kostenlos wie Sand am Meer.“
„Für die Moderation des Abends brauchen wir eine Glücksfee, unser astrologisches Medium!“
Ratlose Gesichter. Dann offenbart sich Lea.
„Auf keinen Fall darf sie einfach per Los bestimmt werden. Machen wir ernst! Erstellen wir die Horoskope! Astrologische Auswahl, großer Zauber, die perfekte Glücksfee, und wir werden von der Party profitieren.“
Lea erstellt am Computer Horoskope, während die kreativen Arbeitslosenverbünde, Arbeitslose mit Sinn für amtfreie Aktionsjobs, sich zu gedanklichen Höchstleistungen motiviert fühlen.
Gewinnspiele werden aus Zeitschriften ausgeschnitten, Kreuzworträtsel gelöst, bis ausreichend Material für das Abendprogramm gesammelt ist. „Nach zwei Uhr legt der DJ auf, dann haben wir Ruhe. Bis dahin müssen die Gäste von Glück erfüllt sein.“
Das Partyfieber steigt von Tag zu Tag bis zu dem Samstag, als die Party steigen soll. Da kulminiert die Hektik kurz vor dem Event. Die geborgte PA muss installiert werden, auf Kommission geholte Getränke gekühlt, Einlass organisiert und Mixgetränke geübt werden. Kein passionierter Partygänger soll sich über mangelnden Service beschweren.
„He, der Videobeamer projiziert verzerrt! Kann das bitte einer korrigieren?“
Zoe und ihre Freundinnen beweisen sich als echte Partyprofis. Ein Fotograf macht Fotos für ein Stadtmagazin. Wie wird man in der Szene prominent?
Lea hat die Horoskope befragt. Lydia ist Glücksfee.
„Ausgerechnet Lydia! Habe die noch nie zufrieden gesehen, geschweige denn glücklich.“
Böse Zungen und Eifersüchteleien erschweren bedeutend die Arbeit, jeder will wichtig sein. Zoe ist gestresst. Aber dann eröffnet der Abend und alles läuft von selbst. Großer Andrang, noch mehr Presse, Stars und Sternchen.
Die Gäste tragen ihre Namen in Listen ein, sind registriert und nehmen automatisch an allen Gewinnspielen teil.
„Die dicke Lydia moderiert witzig und souverän, wer hätte das gedacht? Glaube fortan an Horoskope!“
Der Funke springt über, denn hinter den paar Glitzerdamen und blasierten Herren wartet eine Mehrheit auf ihr Glück. In dieser Nacht können auch die ohne Chance und Perspektive feiern, denn im Hintergrund rotiert die große Trommel mit den Losen, mit Bällen, oder Computer gestützt der Zufallsgenerator. Wer wird gewinnen?
„In Krisenzeiten brummt die Show. Berlin in den zwanziger Jahren!“
„Warum sollte mich das Glück nicht treffen?“
Zoe als Statistikerin kennt sich aus mit Wahrscheinlichkeit.
„Im Lotto gewinne ich Millionen relativ sicher in vierhundert Jahren.“
Das nicht auf der Party verbreiten. Schlechte Stimmung erlaubt die Krise nicht. Alle sind fröhlich, und Zoe hat wieder gewonnen.

Copyright 2005, V.E.L.