Tuesday, November 15, 2005


Der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz kurz vorm Abheben zum roten Planeten Mars, wo die Utopien noch ungehindert von menschlichen Unzulänglichkeiten wachsen können.
Wollt ihr mehr über das europäische Raumfahrtprogramm ESA erfahren, dann lest auch unter:
www.lieberonlinelesen.blogspot.com

Außerdem gibt es noch das mit dem Else Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnete Theaterstück Darja in einer frischen Fassung unter:
www.darjareloaded.blogspot.com

Eine Empfehlung für alle, die gern Galerien besuchen:
bis zum 23. Dezember 2005 in der Galerie MAE, Dunckerstr. 2, 10437 Berlin, Martina Goldbeck, Ulli Lust und Kai Pfeiffer. Anschauen, es lohnt sich!!!

Wednesday, November 02, 2005

Winner
„Party, Party, du machst jedes Wochenende Party in Berlin, und kommst trotzdem auf einen grünen Zweig! Wie schaffst du das?“
Zoes Freundinnen verbergen nur mühsam ihren Neid. Aber als Langzeitstudentin der Psychologie und Statistik ist sie nicht auf den Mund gefallen.
„Wenn die Serie reißt, das Wörtchen wenn kann ich mir da eigentlich sparen, dann verkehrt sie sich natürlich in ihr Gegenteil. Wartet ab, ihr Lieben, ihr werdet mich noch früh genug bedauern! Denn eine natürliche Balance herrscht in der Welt, dass alles, was in Schieflage gerät, irgendwann zum Ausgleich drängt.“
Ihre eloquente Rede beruhigt vorerst ihre neidischen Freundinnen, aber als Erkenntnis einmal ausgesprochen, führt sie bei Zoe selbst zu schlaflosen Nächten.
„Warum kann ich immer nur nachts über mein Leben nachdenken?“
Am Morgen ist sie trotzdem hellwach. Schon wieder gewonnen, was für ein Schock! Einen gelben Kleinwagen, bei einem läppischen Gewinnspiel. Ausgefüllt vor einem halben Jahr.
„Ausgerechnet gelb! Erst einmal zugelassen, ist der im Handumdrehen tausend Euro weniger wert. Egal, wieder Glück gehabt. Hole ihn mir trotzdem ab!“
Eine unglaubliche Serie von Gewinnen, glücklichen Fügungen und Zufällen reißt seit Monaten nicht ab.
So kann es weitergehen, überlegt Zoe, die blonde Endzwanzigerin, ihr Markenzeichen bloß ein geschminktes Auge. Könnte es weitergehen, aber jeder kennt ja das Gesetz: jede Serie wird eines Tages enden. Oder?
„Muss mir was Neues einfallen lassen.“
Hat jeder Mensch etwa nur ein begrenztes Glücksbudget? Notorische Pechvögel auf jeden Fall, soviel ist klar. Allerdings sind sie selbst Schuld daran. Glauben nicht an ihr Glück, füllen nie einen Lottoschein aus und wenn doch, schreiben sie die falschen Zahlen auf. Wie soll ihr Glück da zu ihnen finden?
„Bald wird Schlimmes auf mich zu kommen, ahne es bereits. Nach der Glücks- die Pechsträhne. Allein das Ticket wegen Falschparken gestern, schon ein sicheres Zeichen. Vor kurzem hätte ich die Politessen locker überholt, gegrinst und abgebraust. Sieh an, es geht schon los, muss mich eilig vorbereiten.“
Ausnahmen in negativer Richtung bedeuten auch, dass es Ausnahmen in positiver Richtung gibt. Unser Weltbild, logisch?
„Das ist sie, meine Chance! Ist Glück eventuell ausleihbar? So dass es nicht auf mein Budget zurückfällt, wenn ich gewinne?“
Für Insider sind Partys in Berlin längst keine Freizeitvergnügen mehr, sondern harte Arbeit. Zoe hat die Idee mit der Gewinnspiel Party. Jedes Motto dient nur dem Trinkflaschenverkauf, denn Jobs gibt es hier so gut wie keine. Location und Termin sind schnell organisiert, denn alles Theoretische muss letzten Endes doch immer praktisch auf den Prüfstand.
„Was willst du übernehmen, Theke, Toilette oder Service?“
Sogar die altbackene Tupperparty wird von unsympathischen Strukturjobbern in öden Stadtrandbezirken zäh am Leben gehalten. Nur zu, solange sich Oma Spar nicht an altem, aufbewahrtem Essen vergiftet!
„Flyer im Kopierladen organisiert?“
„Müssen noch verteilt werden!“
Neue Partys sind in. Kuschelpartys für Menschen mit Defizit an Nähe, Ficken verboten. Wahlweise mit oder ohne Haustier. Schlafpartys mit oder ohne Schlaftablette, geeignet für gestresste Start-Up Unternehmer. Auch Kunst gegen bares ist en vogue, gesponsert von der Workshopszene.
„Gähn!“
Beliebt zum Geldverdienen sind Abzocke Partys für Touristen. Irgendein geheimnisvolles Motto und die Preise glatt verdoppelt, wie in Berlin Mitte. Die insofern Eingemachten merken nichts, sind nach dem Wochenende abgereist. Wurde da jemand über den Tisch gezogen? Kein Problem, in Düsseldorf und München ist alles teurer.
„Das probieren schon zu viele.“
Ehemalige Freunde, die sie schon lange aus ihrem Handy Adressbuch gestrichen hatte, melden sich unvermittelt wieder. Zoes Gewinnspiel Party entwickelt die Aura des Neuen, sieht man von gewissen Gala Tombola Anlässen ab, wie Reich spendet für Arm, oder besser Fressen für die Armen.
Jeder Kiez in Berlin sein eigenes Dorf.
„Haben wir genügend Gewinnspiele gesammelt?“
„Die gibt es kostenlos wie Sand am Meer.“
„Für die Moderation des Abends brauchen wir eine Glücksfee, unser astrologisches Medium!“
Ratlose Gesichter. Dann offenbart sich Lea.
„Auf keinen Fall darf sie einfach per Los bestimmt werden. Machen wir ernst! Erstellen wir die Horoskope! Astrologische Auswahl, großer Zauber, die perfekte Glücksfee, und wir werden von der Party profitieren.“
Lea erstellt am Computer Horoskope, während die kreativen Arbeitslosenverbünde, Arbeitslose mit Sinn für amtfreie Aktionsjobs, sich zu gedanklichen Höchstleistungen motiviert fühlen.
Gewinnspiele werden aus Zeitschriften ausgeschnitten, Kreuzworträtsel gelöst, bis ausreichend Material für das Abendprogramm gesammelt ist. „Nach zwei Uhr legt der DJ auf, dann haben wir Ruhe. Bis dahin müssen die Gäste von Glück erfüllt sein.“
Das Partyfieber steigt von Tag zu Tag bis zu dem Samstag, als die Party steigen soll. Da kulminiert die Hektik kurz vor dem Event. Die geborgte PA muss installiert werden, auf Kommission geholte Getränke gekühlt, Einlass organisiert und Mixgetränke geübt werden. Kein passionierter Partygänger soll sich über mangelnden Service beschweren.
„He, der Videobeamer projiziert verzerrt! Kann das bitte einer korrigieren?“
Zoe und ihre Freundinnen beweisen sich als echte Partyprofis. Ein Fotograf macht Fotos für ein Stadtmagazin. Wie wird man in der Szene prominent?
Lea hat die Horoskope befragt. Lydia ist Glücksfee.
„Ausgerechnet Lydia! Habe die noch nie zufrieden gesehen, geschweige denn glücklich.“
Böse Zungen und Eifersüchteleien erschweren bedeutend die Arbeit, jeder will wichtig sein. Zoe ist gestresst. Aber dann eröffnet der Abend und alles läuft von selbst. Großer Andrang, noch mehr Presse, Stars und Sternchen.
Die Gäste tragen ihre Namen in Listen ein, sind registriert und nehmen automatisch an allen Gewinnspielen teil.
„Die dicke Lydia moderiert witzig und souverän, wer hätte das gedacht? Glaube fortan an Horoskope!“
Der Funke springt über, denn hinter den paar Glitzerdamen und blasierten Herren wartet eine Mehrheit auf ihr Glück. In dieser Nacht können auch die ohne Chance und Perspektive feiern, denn im Hintergrund rotiert die große Trommel mit den Losen, mit Bällen, oder Computer gestützt der Zufallsgenerator. Wer wird gewinnen?
„In Krisenzeiten brummt die Show. Berlin in den zwanziger Jahren!“
„Warum sollte mich das Glück nicht treffen?“
Zoe als Statistikerin kennt sich aus mit Wahrscheinlichkeit.
„Im Lotto gewinne ich Millionen relativ sicher in vierhundert Jahren.“
Das nicht auf der Party verbreiten. Schlechte Stimmung erlaubt die Krise nicht. Alle sind fröhlich, und Zoe hat wieder gewonnen.

Copyright 2005, V.E.L.

Thursday, October 27, 2005


Ballsaal eines verfallenden Freizeitlokals in
Berlin. Tanzen direkt an der Spree? Könnte ein schöner Ort für eine Party sein, aber leider, leider ist das Gebäude eingezäunt. Wäre sicher auch eine sehr geeignete location für Dreharbeiten!
Ist aber, glaube ich, einsturzgefährdet!
Das Bild hat ungefähr sechs Meter und ist vielleicht ein Meter siebzig hoch.
Werde ab und zu mal ein Foto von Berlin neben die Kurzgeschichten stellen, um den Blog für euch noch interessanter zu gestalten.
Hier noch ein TIPP:
www.lieberonlinelesen.blogspot.com
www.neuestuecke.blogspot.com
www.weihnachtsgeschichte.blogspot.com

Da gibt es mehr Stoffe, Themen und Geschichten!





Sunday, October 23, 2005

Kein Thema. Oder?
In Berlin Lichtenberg wurde bei Renovierungsarbeiten in einem Wohnblock eine Abhöranlage der Staatssicherheit entdeckt. Die kurze Notiz erschien an einem Freitag im regionalen Wochenblatt.
„Das Thema ist längst durch“, war die Meinung des Redakteurs, „wer möchte nach so vielen Jahren seit der Wende daran noch erinnert werden?“
„Die Signalübertragung läuft über die Heizungsanlage“, kichert der bekiffte Malergeselle mit den blauen Augen im Treppenhaus seinem Kollegen seitlich ins Ohr, während sie nebeneinander die Stufen hinunter hüpfen.
“Die Heizkörper in den Wohnungen schaltest du einfach auf Übertragung, wie Mikrofone in einem Konferenzsaal. Innen sieht es aus wie in einem alten Tonstudio mit Bandmaschinen. Aber was mich sehr wundert: kein Staub ist zu sehen, alles wie gestern noch benutzt. Dabei dürfte der geheime Verschlag seit Jahren nicht betreten worden sein!“
„Ach, rede doch keinen Scheiß! Soll ich jetzt etwa Angst bekommen?“ Kauzig kommentiert sein älterer Kollege das alberne Gekicher.
„Im Ernst, ich konnte jedes intime Wort der Mieter in den Wohnungen verstehen.“
Das hört auf der Treppe nebenbei S., zurück vom Besuch im Supermarkt. Von diesem Gespräch die Fetzen ergeben für sie ein Puzzle, woraus sie formt ein Bild. Die Tasche mit dem Einkauf fällt ihr aus der Hand, unter der Malerplane der harte Stufenstein zerbricht das dünne Glas einer Milchflasche, von der guten, die frisch gekauft, direkt vom Bauernhof stammen sollte.
„Ach, Mutter, muss das sein? Die Milch läuft unter die Plane, wird sauer, und bevor wir hier fertig mit Lackieren sind, wird es stinken, wie Buttersäure, Leiche. Musste mal in einer Wohnung renovieren, wo sechs Wochen lang unbeachtet lag eine Tote drin. Ein Selbstmord, entsetzlicher Gestank!“
Sie kommt eilig aus der Wohnung mit Eimer und Wischtuch, und macht sich an der milchigen Pfütze zu schaffen. Da erkennen sie an ihren Falten erst wie alt sie ist. Die harten Worte tun ihm nun leid.
„Ich kaufe Desinfektionsmittel.“
„Ach, lassen sie nur, nicht der Rede wert. Mein Kollege hat eine verschnupfte Nase, von den Lösungsmitteln im Lack. Und daher redet er auch quer.“
„Sie haben eine Abhöranlage im Haus entdeckt?“
Die beiden sehen sich an.
„Ist doch alles nicht mehr aktuell. Irgendwelche Überreste der verschimmelten DDR wird man noch in zwanzig Jahren finden. Wen interessiert denn heute noch, wer früher bei der Stasi war?“
„Mich“, flüstert S. kaum hörbar leise, „mein Leben wäre ein anderes allerdings. Wo haben sie die Anlage gefunden, etwa bei dem N. , zwei Etagen über meiner Wohnung?“
„Nichts darüber sagen, sagt das Landeskriminalamt, das die Sache untersucht. Sie sind aber nicht betroffen. Kein Mieter im gesamten Wohnblock, so viel wir wissen, keine Angst.“
„Der N. hat mir, das weiß ich, mein Leben ausgetauscht. Eine miese Arbeit, Familie weg und keine Freunde. Wissen sie, ich hatte zwei Kinder. Die sich von mir abgewendet haben. Dass ich hier noch wohne, dass ich den sogar noch sehe, können sie das denken, sich das vorstellen?“
„Ja, nein, wir bedanken uns! Sie haben sauber geputzt. Wird nicht mehr stinken. Einen schönen Tag noch!“
Die Arbeitskollegen schieben die grauhaarige Frau freundlich in ihre Wohnung, und dann einander gegenseitig die Stufen hinunter. Das immer noch bekiffte Kichern hallt wie höhnend von unten aus dem Treppenhausschacht.
„Wie unbeschwert die jungen Leute sind, wenn sie nur Arbeit haben. Seit Mauerfall gibt es in Berlin einhundertfünfunddreißigtausend Stellen weniger. Wie soll das werden?“
In ihrer kleinen Küche öffnet sie ihre Post, was als persönliche Briefe getarnt, meistens nur Werbebriefe sind.
Diesmal entnimmt sie einem Umschlag ein Faltblatt einer Partei, die ihre Bezirksverordneten mit Foto vorstellt. Sie erkennt den N. als Volksvertreter, eine furchtbare Schrecksekunde lang. Doch beim zweiten Hinsehen ist es nur eine Ähnlichkeit, die immer stärker schwindet, je länger sie das Gesicht auf diesem Foto ansieht.
„Ein Triumph des Unrechts wäre das, der ehemalige Verleumder nun als Volksvertreter in der Politik! Welch ein schmutziges Geschäft! Man sieht es ja in Russland, seit Putin ist der ehemalige Geheimdienst KGB dort an der Macht. Und hier?“
In ihrem mageren Gesicht die kleinen, lustig runden Augen blicken aus dem Fenster, hoch zur Dachkante des gegenüberliegenden Wohnblocks.
„Einmal mit dem N. sprechen, einmal die brennende Frage stellen: warum ich? Was hatte ich verschuldet?“
Links vom Herzen her ist sie noch heute, aber damals war sie nicht ausreichend links vom Verstand. Daher gegen sie Verdacht, doch dafür all das Leiden, dafür? Nein, dieser N. hatte wohl nachgeholfen.
„Weil er mich wollte, mich begehrte, in mich verliebt war.“
Ihr Bild, Versuche von Erklärung, ein Sinn aus Puzzleteilen ihres Lebens. Zusammengefügt zu einem Täterbild erst neulich. Und nun im Haus eine Abhöranlage: endlich der Beweis, die Bestätigung!
Alles kommt wieder hoch. Eine heimlich manipulierte Biografie auf einen Nenner bringen? Vielleicht eine läppische oder böse Antwort erhalten? Nein! So nicht die Selbstachtung verlieren!
„Niemals spreche ich den an! Lieber observiere ich jeden seiner Schritte, gehe ihm nach für den Rest seines Lebens. Verfolgt soll er sich fühlen, wie ich mich fühlen musste!“
Als sie den übrigen Einkauf verstaut, sieht sie wie immer auf die Küchenuhr. Gleich elf Uhr, Zeit an der Wohnungstür zu lauschen.
Er ist arbeitslos wie sie, hat aber die Gewohnheit, später aufzustehen. So gegen elf, manchmal halb zwölf, kommt er die Treppe runter. Geht dann zu Ämtern oder erledigt Einkäufe, geht flanieren und spazieren, wie ein Arbeitsloser eben seine Zeit verbringt. Und sie ihm nach.
Er weiß um seinen Schatten, und einmal ging er auf sie zu, sie anzusprechen. Da schrie sie lauthals Hilfe, so dass er augenblicklich von ihr abließ.
Eine Frau geht einem Mann nach. Sieht man selten. So fragt sich mancher nach dem Grund.
Als sie die farbbeklecksten Planen nach einer Woche wieder einrollen, ist der neue Anstrich für das Treppenhaus gepinselt und überzeugt von seinem Farbton niemand. Doch der Meister hatte nichts zu stöhnen, und das freut die beiden. Nun fühlen die Gesellen sich an keine Weisung mehr gebunden.
„Beim Streichen lausche ich wie unbeteiligt Sätzen, die nur Geheimnisträgern vorbehalten sind.“
Ein Kichern wie ein Wiehern, ein Lösungsmittelflashback des Gesellen mit den blauen Augen.
„Den Handwerker sieht man nicht mehr wieder, da achtet keiner auf sein Maul. Sollen wir die Presse informieren? Zahlen die überhaupt? Was ich mit meinen Ohren gehört habe, morgen kannst du es auf der ersten Seite lesen!“
„Ach, rede keinen Scheiß. Du machst mir Angst mit deinem Kiffen. Bist dauernd wirr im Kopf.“
„Zuerst sprach dieser N. bei den Kriminalisten vor, seinen Verdacht zu äußern, dass die S. die Anlage betreibt. Er führte an, die Dame sei vernarrt in ihn. Verfolgt ihn wohl, die Gute.“
„Und?“
„Dann erschien sie wenig später, beschuldigte den N. mit angeblichen Fakten aus Akten. Man verwies sie an die Gauck Behörde.“
„Paranoid sind sie bestimmt alle hier. Wen wundert es? Jede einzelne Karriere hier hat ihre tiefe Delle. Wem es doch besser erging, der wohnt schon lange nicht mehr in diesem tristen Wohnblock.“
Der ältere Kollege stopft die Planen in schwarze Abfallsäcke.
„Ja, ich meine, wer sich in der Wohnblocksiedlung gerne noch verstecken möchte, wohnt hier. Hör mal zu! Wen die Kriminalisten tatsächlich suchen, ist ein ehemals ranghoher Stasioffizier. Hat nach deren Vorbild im Irak Saddams Geheimdienst aufgebaut. Das sind die, die noch heute fast täglich Menschen in die Luft sprengen. Daher observiert das LKA hier, nicht etwa wegen dieser ollen Abhöranlage.“
„Dann geh mal verkaufen mit deinem Wissen. In deiner Verfassung nehmen dich weder Blatt noch Blättchen ernst. Und ich auch nicht.“
„Ich habe es mit diesen meinen eigenen Ohren selbst gehört, ich schwöre.“
„Wie hältst du denn die Abfalltüte auf? Mann, musst du noch eine Menge lernen!“

Copyright 2005, V.E.L.

Monday, October 17, 2005

Stummer Spitzel

Im Instrument zur beiläufigen Beobachtung, dem Seismograph hauptstädtischer Befindlichkeit, der U-Bahn, unter der ehemaligen Hauptstadt der DDR Richtung Westberlin, ein Mann, sein Alter schwer schätzbar. Auf dem fast kahlen Schädel im Neonlicht schimmernd exakte Millimeter weiß-grauer Flaum. Er wirkt kräftig, sein markantes Gesicht maskenhaft. Mit schnellen Blicken beobachtet er jede Fahrgastbewegung im Waggon. Er könnte ein Kontrolleur sein, erregt deshalb das Misstrauen eines Schwarzfahrers.
Als der Wagen die ehemalige Staatsgrenze tunnelt, hebt ein kurzes, stoßartiges Atmen seinen Brustkorb, würgt sich heraus, um knapp hinter seinen Lippen als kaum hörbare Lache kläglich zu verenden. Für einen Moment zieht er die Blicke mehrerer Fahrgäste auf sich.
“Bornholmer Strasse, Sonntag, neunzehn Uhr. G.” Diese Postkarte, 1968 mit Maschinenschrift adressiert an seine Geliebte Karin, hatte er letzte Woche in seinem verbeulten Briefkasten in der Revaler Strasse am Ostkreuz wieder gefunden. Zurück an Absender, gekritzelt: seine alte Adresse.
Längst wohnt er außerhalb der Stadt, behält aber seine frühere Wohnung, solange sie noch geringe Miete kostet, als Zuflucht vor den Ansprüchen seiner Familie.
In diesen Räumen atmet noch unbelüftet die alte DDR. Desinfektionsmittelgeruch, Braunkohleöfen, verwohntes Mobiliar und Brummen des so genannten Weißmöbels, darin Bier und Dosenwurst, seine Rationen. Vom Dienst her ist er gewohnt, regelmäßig zu essen und zu trinken.
Unbedrängt von allen Veränderungen löst sich hier langsam das Maskenhafte seines Gesichts, zeigt sein Alter, das er nicht merkt.
Die schlichte Postkarte dreht er langsam in seinen Händen, wäre sie nach Karins Flucht in gewisse Hände geraten, Verabredung mit einer Republikflüchtigen nahe der Grenze, vorbei, seine Karriere, aus!
Er entkront eine Flasche Bier. Karin. Blonde Haare, sinnlicher Mund, lange Wimpern. Ihr Gesicht? Zu lange her, zur Verabredung nicht erschienen, Republikflucht, wie es hieß, aber wen erreichte damals die Karte?
Er trinkt ohne Glas. Im Dienst trank er nur Tee, den roten.
Wer verriet ihn nicht, bei wem sich bedanken jetzt, weshalb schickt der Nicht-Denunziant absenderlos?
“Die Mauer und das Tor” hieß die Dia-Tonbildschau des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, bei dem sie sich 1967 kennen gelernt hatten.
“Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot.” Der Ohrwurm hat Jahre inaktiv in seinem Gedächtnis überdauert, nun bohrt er los. Karins Blick, im Schein der wechselnden Lichtbilder, verheißungsvoll, auffordernd.
“Einer von ihnen ist Günter Ganßauge, Offizier der Nationalen Volksarmee, Sohn eines Arbeiters, gelernter Klempner und Installateur, seit Juni 1952 im Grenzdienst eingesetzt.”
Aus dem blechernen Lautsprecher knistert es. Er weiß, dass er sich heute betrinken wird. “Berlin ist die billigste Atombombe.” Ernst Reuter, Bürgermeister von Westberlin. Dieser Satz hatte sein Leben mit entschieden.
Wache schieben für den neuen Staat! Schockiert von den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, von Gestapoterror und Kriegshetze. Die waren die Ursache für die Teilung Deutschlands, niemand konnte ernsthaft diese Tatsache leugnen. Und was man noch alles erfuhr! Karin und er diskutierten.
“In jeder Grenze spiegeln wir uns selbst, den Stand unseres Bewusstseins wider.”
Ihre Worte klangen irgendwie dialektisch, aber zu subjektiv, Frau eben. Er war verliebt in sie, nicht in ihre Meinung, ließ sie reden, über Lyrik, ihre Leidenschaft. Nicht alle Widersprüche lassen sich sofort überwinden, auch seine nicht. Wieder summt er eine vertraute Melodie.
“Und das Schieberpack, was uns verblieben, das nach Freiheit jammert früh und spat, und die Herren, die die Schieber schieben, schieben wir per Schub aus unserm Staat.”
Kalter Novemberregen nässt die Scheiben seiner Wohnung. Erhöhte Wachsamkeit bei schlechtem Wetter! Manche möchten es nutzen. Sonntag, ist heute nicht Sonntag, bald neunzehn Uhr?
Wieder dieser Anfall von Lachen, diesmal vorm Eingang S-Bahnhof Bornholmer Strasse. Ersatzverkehr, prangt ein Schild. Ist Albert Speers Entwurf eines Zentralbahnhofes, mit einem weithin sichtbaren Stahlskelett, mit Kupferplatten verkleidet, mit Glasflächen ausgefacht und vier übereinander liegende, mit Rolltreppen und Fahrstühlen verbundene Verkehrsebenen, daran Schuld? Den New Yorker Grand Central Terminal wollte er übertreffen. Ersatzverkehr! Lehrter Stadtbahnhof. Die alten Pläne von Speer, sie taugen wohl nicht.
Als er seinen früheren Posten erreicht, tasten seine Augen automatisch die erneuerten Böschungen und Schienenstränge nach Fluchtbewegungen ab. War Karin etwa auf ihn, zur Prüfung seiner Gesinnung, angesetzt, die Karte ihre Entlastung?
Langsam folgen seine Blicke der Beschleunigung einer sich entfernenden S-Bahn auf parallelen Gleisen. Junge Gesichter hinter Glas.

Geschichte wird man ihnen erzählen, aber welche?

Copyright V.E.L., published at Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Wednesday, October 12, 2005

New Berlin with Soda

Soda-Brücke nannten seit neunzehnhundertneunundsiebzig im Stadtteil Neukölln Anwohner eine Autobahnbrücke, denn sie stand fertig einfach so da. Ohne Fahrbahnanschluss, jahrelang, so da allein für sich.
Den Bau der geplanten Autobahn hatte eine Bürgerinitiative gestoppt. So fuhr kein Auto jemals da rüber. Es gab so viele Bürgerinitiativen damals, mehr als Eckkneipen.
Neunzehnhundertsiebenundneunzig erhielt sie zwei Monate vor ihrem Abriss zur allgemeinen Erheiterung, so wie sie dann da war, verziert mit politischen Parolen, einen komplett neuen Anstrich.
Farbe aus dem Behördendickicht. In Berlin trinkt man gern Weisse mit Schuss! Himbeere oder Waldmeister sollen ja nicht benebeln, man bleibt bei klarem Verstand.
Soda trinkt man eher außerhalb, jenseits der Stadtgrenze, vielleicht in Brandenburg. Wo man so großartig nicht da sein mag. In Preußens Hauptstadt stehen die Bäume im Grunewald nicht einfach so da. Die stehen da pro Kopf.
Wir können auf uns mit Sekt anstoßen, dass wir nicht einfach so da sind. Wir sind Berliner. Wir sind keine Fehlplanung. Wer von sich behauptet, eine Fehlplanung zu sein, kann höchstens ein meckernder Berliner sein. Soll es ja geben. Die meckern so einfach da an allem herum.
Weil Berlin so eine große Großstadt ist, passieren da eben Fehlplanungen. Da kommt einer an und sagt: so, da bin ich. So baue ich das neue Berlin.
Das bleibt dann für die nächsten Jahre so da. Wem es so nicht passt, der soll gefälligst da hingehen, wo so nicht gebaut wird. Das ist jetzt so ein Bürogebäude da, und so, da brauchen wir noch ein Bürogebäude. Oder so was da!
Was alles so noch nicht da ist, da haben die da schon so eine Vorstellung. So ähnlich wie die vor ihnen sie damals auch schon hatten. Es soll da auch welche geben, die eine Vision haben, die fast genauso schon einmal da war.
Was vom vorm Krieg heil geblieben ist, ist sowieso da. Was danach kam, ist provisorisch so da, weil es insgesamt so eigentlich nicht geplant war. So richtig planen konnten die das Ganze nicht, weil keiner wusste, wie sich die Geschichte so entwickelt da mit Westberlin.
Als die Berliner Mauer so über Nacht auf einmal da gestanden hatte, wurde sie so Jahrzehnte später von Mauerspechten da fast über Nacht einfach zerhackt. Als ob sie so niemals da gewesen wäre. Und sie bekam vorher schnell farbig gesprüht noch einmal einen neuen Anstrich, zum besseren Verkauf der Reste.
So danken Berliner ihren grandiosen Baumeistern.

Copyright 2005, V.E.L.

Tuesday, October 11, 2005

Betreten verboten!

Paul hatte sich als großer Bruder angeboten. Einer, der klarstellt aus Erfahrung. Wie dieses Spiel zu spielen sei, oder wie jenes. Eine Zeit lang ging das gut. Einmal verlor er. Zufall, Fred war nicht besser, aber Paul zahlte und ging.
Als sie sich wiedersahen, war Paul betrunken, redete im Kreis. Fred trank sich ran. Spät in der Nacht trafen sie ein Baugerüst, an einem Wohnhaus. Es ragte finster in den Sternenhimmel. Tags diente es zum Weißeln einer Fassade.
`Geht jetzt die Renoviererei hier auch schon los?´ nuschelte Paul, und Fred als Antwort brüllte: `Scheiße!´
Schon hing Paul wie ein nasser Sack an einer Stange. Fred hievte ihn hoch. Er war nicht ganz so fett und schaffte es allein. Die erste Etage war ein Kinderspiel. Als ein Auto vorbei fuhr, gingen sie in Deckung.
Das Licht der Straßenbeleuchtung glänzte rötlich in ihren von Kiff, Suff und Zigaretten blutigen Augen. Die Sommerhitze glühte noch in den Gerüstbrettern, auf denen sie rücklings lagen, und leicht wehte vom Dach herunter ein Wind. Der trug ihnen einen Duft zu.
Fred lachte leise. `Wenn man uns hört?´ `Und?´ schnaufte Paul, `Kommen wir zu Besuch.´
`Ich werde mal nachschaun.´ Der Leiteraufgang war versperrt. Fred zog sich am Gerüstbau hoch. Sand rieselte von oben. Paul atmete hastig. `Und ich?´
Keine Antwort. Fred schlich allein den Gang lang, schaute in Fenster. Kam an einem Schild vorbei: Betreten der Baustelle verboten! Eltern haften für ihre Kinder. Es war montiert im zweiten Stockwerk. Fred grinste. Hinter den Fenstern war es dunkel, von innen verschlossen alle, die Wohnungen leer.
Von oben reichte er seine Hand, `Sollst abnehmen, Mollenfriedhof, Fettwanst!´ Sah keuchend runter in den Abgrund, über welchem schwebte Paul. Der blieb an einem Winkeleisen hängen, die Hose fasste ihn am Steiß. Das ging nicht ab geräuscharm: `Halt mich fest, ich hänge!´
Fred fühlte diesen Duft in seiner Nase, der verflog nicht. Der Saufgenosse hält mich auf! Endlich riss Pauls Beinkleid, hoch hievte er ihn über die Kante.
Doch kaum gerettet, schnaufte der sich wütend: Hose zerrissen, kein Einblick hinter Fensterscheiben, alberner Kinderkram. Böse blitzten seine kleinen Augen überm Zickenbart. Fred war für ihn ein Narr, ein Narr mit Koteletten.
Mit dem sicheren Instinkt des Trinkers für den Augenblick der Heimkehr schwang Paul seine Beine zurück über den Abgrund. `Hier zieht´s, ich kriege Rheuma und Blasen von dem Kalk,´ muffelte er, ohne Humor und Sternensinn für die Romantik jener blau gerahmten Stunde.
Fred sog erneut den Duft in seine Nase, genoss und schmeckte ihn fein ab auf seiner Zunge. Der große Bruder Sauf soll endlich abhaun!
`Starr keine Löcher in die Luft, ich will nach Hause!´
Pauls Stimme klang wie kurz vorm Heulen. Fred schwang sich höher. Von diesem Elend Abstand, bin ich seine Mutter? In die Stille unausgesprochener Gedanken trat beunruhigend leise gesprochen sein Name: `Fred?´ Und nach einer Weile: `Hilf mir!´
Eine Etage höher war plötzlich nah, was er so oft am Abend und in der Nacht spazierend von der Straße aus gesehen hatte. Fremd, mit einem dumpfen Gefühl im Magen, diese Familien Heimeligkeit. Bemalter Deckenstuck und hohe Räume, Regale voller Nippes, Zimmerpflanzen, Stehlampe und eine Riesenglotze.
Auf Sessel und Couch, eine Familie im Profil. Die Fenster keinen Spalt geöffnet, wie Echsen im Terrarium, die Eier brüten. Er wollte sie erschrecken, an die Scheibe klopfen, fand´s aber albern, dann abstoßend. Einer glitt lautlos hinaus, kam zurück mit Chips. Familienköpfe, festgenagelt, geradeaus ins blaue Flimmern. Kein Blick in seine Richtung. `Fred?´
`Pssst, Mann!´
Glotzengeräusche, kein Wort! Der soll vor Neid zerplatzen, was ich hier Scharfes sehe. Er überlegte, was Paul in seiner Not sich ausmalen würde. Das füllte ihn mit kaum erträglichem Vergnügen. Nervös zupfte er an einer Kotelette. `Fred?´
`Komm hoch!´
Der Satz war pure Bosheit. Paul konnte nicht. Sein Gesicht mit Zickenbart war sicher längst grün über dem Abgrund. Das war absolute Spitze, Genugtuung für seine Aufschneiderei, wie man als Profi den Queue beim Carambol hält, oder als Profi mit Effet stösst. Ha! Fred lehnte rückwärts gegen frisch getünchte Fassadenfarbe, gluckste sich in einen Lachkrampf.
Paul unter ihm suchte das System der Bauarbeiter, schlich wie Sherlock auf Zehenspitzen den Bretterlaufsteg auf und ab. Die klettern nicht wie Fred, gewiss nicht, dieser Affe!
So fand er ein gespanntes Drahtseil, womit die Leiter hochgezogen, eine Etage höher hing. Am Drahtseilende ein Zylinderschloss. Tüchtige Anstreicher, sicher ein Familienunternehmen aus Neukölln, analysierte treffend der stadtbekannte Paul.
Unten auf der Straße kroch ein Streifenwagen, wie lauernd. Paul blickte zweimal schnell hinunter, übergab sich, unten genau auf eine Motorhaube.
Bremsen, Türenschlagen, Schritte!
Paul und Fred lagen lang auf Brettern, übereinander wie auf Knast Etagenbetten. Ein Lichtkegel sauste quer und hoch, entlang an parkenden Wagen, hinauf ins Baugerüst. Streifte Pauls hohen Spitzbauch. Sein geschundenes Verdauungsorgan holte soeben wieder aus, sich zusammenballend, zum nächsten Rauswurf.
Bitte, wenn die wüssten, wie nah sie dem höheren Segen einer kotzbraunen Entdeckung sind, dachte Paul, in sich schwankend, bitte nicht, bitte nicht!
Fred´s Lachkrampf war gleich elend erstickt, sein Zwerchfell schockgefroren. Darunter eine Fettschicht unscharfer Visionen: sein letzter Abend in Freiheit, Freunde vor seinem Haftantritt bemüht, ihn aufzuheitern, Abschied in der Kneipe zum ersten Hafttag. Blutabzapfen, Drogenkontrolle.
Flach presste er seinen Körper auf die Bretter. Wieviel gab es für versuchten Einbruch? Soviel, wie sie vor Gericht daraus machen würden: Jahre!
Er betete, dass Paul nicht noch einmal kotzen müsste.
`Da freut sich einer morgen früh, wenn er das zur Arbeit mitnimmt´, kam von unten eine Polizistenstimme. Sein Kollege: `Alles aus den Fenstern, Dreck und Müll, und jetzt noch das hier. Schlimmer als im Wedding!´
Beide Streifenpolizisten wohnten in Spandau und beide verabscheuten einstimmig den Dienst in Innenstadtbezirken.
Funkgeplapper, Türenschlagen, Abfahrt!
Fred und Paul wurden wieder fröhlich, vergessen war die gegenseitige Schlechtigkeit. `Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern´, pfiff leise Fred herunter von Etage drei, während Paul unverblümt, wie das eben seine Art war, lauthals hoch nach oben brüllte: `Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!´
Beinahe schief gegangen, schon wächst Übermut. Vernehmlich das Geräusch des Fensteröffnens in Etage vier. Blechgeschepper, auf der Straße kickten Leute mit einer Büchse, machten Lärm in dieser Nacht und wurden deshalb schuldig. Die zwei im Gerüst fielen so nicht auf.
Der Hausbewohner schimpfte keifend: `Schweinefresser, Zwiebeldeutsche!´
Wer versteht noch wen in Schöneberg? Weiter ging das Blechgekicke auf dem Asphalt, jeder Jubelschrei ein Tor. Unten die nachtgeile Meute, die Mercedessterne sammelt, Antennen abknickt, Reifen aufsticht oder Fassaden neu gestaltet.
Oben der hilflos bangende Besitzer, der sein armes Opelschätzchen in der Nacht nicht mit aufs Zimmer nehmen durfte.
Fred fasste eine Hand von hinten ins Genick, die andere hielt ihm seinen Mund zu. Starr von solcher Schreckensnähe landete eine Speichelpfütze auf der Wange neben seinem linken Ohr. `Bäh!´
`Du hast mein Lieblingslied gepfiffen.´ Paul schwelgte im Überschwang von Glücksgefühlen, weil er sich allein eine Etage hoch gezogen hatte. Fred ahnte Unheil.
`Lass uns endlich abhauen, Paul!´ zischte er im Ton des Spielverderbers, und riss Paul rasch aus dem blauen Lichtschein des Familienfensters.
`Übergeschnappt? Krakeelst hier rum! Ruf doch gleich die Bullen! Soll ich dann etwa springen? Keiner schenkt uns seinen Glauben, dass wir hier eine Fensterrede proben, oder auf die Frühschicht warten.´
Paul kriegte den Gesichtsausdruck trotziges Kind. Seine Glückshormonausschüttung war selten, deshalb bitter, wenn jemand seinen Organismusorgasmus unterbrach.
Sein `Dann eben nicht´, klang wie endgültiger Abschied. Er zwängte sich auf einmal behende zwischen Querstangen, schwang sich todesmutig mit einer Hand sekundenlang finster blickend über den Abgrund. Dabei schob sich langsam eine schwarze Wolke vor den halb vollen Mond.
Mit welcher Kraft der Fettsack sich aus tiefster Finsternis in solche Höhe zieht, staunte über ihn Fred. Rette den, dem nicht zu helfen ist, dachte er dann und fasste ihn am Bein. Aber Paul trat nach ihm. `Mann, oben ist ein Mann am Fenster!´
Fred hatte nun genug, dachte an seinen Abstieg. Als er sich vornüber beugte, wehte wieder ein Lufthauch. Es war derselbe Duft.
Ein Wutschrei hallte unten im Häuserkanal mit Namen Leberstraße. Der Besitzer von der Motorhaube hatte sein Auto unter Erbrochenem entdeckt. War er der Schweinefresser? Die Dosentreter klangen leider weit entfernt, sie fielen aus als Schuldige. Mist, der Weg nach unten war versperrt!
Da ging im Treppenhaus das Licht an. Fred forschte angestrengt nach einem Ausgang, die Uhr lief jetzt gnadenlos gegen Paul und gegen ihn. Von oben wallte noch verführerischer der Duft. Eine Fensterscheibe einschlagen, aber das macht Lärm, verdammt nach oben oder unten, wie verdufte ich?
Kawumm, kawumm, kawumm, so lag er auf dem Rücken. Paul spürte seine Pumpe. Wie, so hoch war er geklettert? Den Suff einschränken und mit Filter rauchen, hatte sein Arzt gesagt. Einer mit Stammpatienten seinesgleichen und Verständnis, wozu Verbote nennen, die doch keiner befolgt?
Paul kriegte Höllendurst von der Angst wegen seines Herzens. Hier war kein Aufenthalt. So oder so nicht. Sterben oder Verdursten, war da ein Unterschied? Er zog sich zwischen Fassade und Gerüst hoch, wo ein Brett sich locker fand.
`Wenn ich den erwische,´ tönte es kaum hörbar herauf. Im Leisesprechen lag die drohende Gewalt, und im Ton dieser Stimme ein Gedankenkombinieren wie das von Studer oder Holmes. Jetzt schaut jemand aufwärts, wussten gleichzeitig Fred und Paul.
Paul zögerte nicht länger, drückte mit Kraft gleich das nächste Fenster in seiner ganzen Breite auf, lugte prüfend in ein Zimmer. Hitze staute sich darin unter dem flachen, schwarzen Pappendach. Hinein und hindurch, dachte er und als er den zweiten Fuß auf Teppichboden setzte, ging sofort das Licht an.
Neben dem blauen Lichtschein der verblödeten Familie drückte Fred sich dagegen unentschlossen im Schatten solcher Heimeligkeit herum. Ja, er wäre nun sogar ganz gerne dort hinein gekrochen, um unter Geistesabwesenden zu sein. Denn unten der Schweine- oder Menschenfresser schloss sicher messerscharf aus Aufschlagspuren, dass eine Ferkelei von solchem Ausmaß konnte nur von oben kommen.
Tückische Bodenlichtschalter und scharfe Kanten eines Glastisches überstand Paul mit heftigem Ausschlag seines Herzens, am Schienbein leicht verletzt. Er wich schweren Hanteln aus, die auf dem Boden lagen. Wer zum Schreck wohnte hier? Die Zimmertür wuchs, als er auf sie zuging, wer? Millimeterweise drückte er die Türklinke nach unten. Es knackte laut im Schloss und sie öffnete sich nicht. Da entdeckte er den Schlüssel. Abgesperrt? Wer ist dann außer mir noch hier im Zimmer? Knarrend öffnete sich die Tür, als er erschrocken die Klinke ganz nach unten drückte.
Als der Mann unten die Straße überquerte, um besser Sicht aufs Baugerüst zu kriegen, turnte Fred schnell eine Etage rauf. Aus einem offenen Fenster hing im Schein von gelbem Nachttischlampenlicht orange leuchtend eine Gardine.
Soll ich dort hinein, mich vorstellen und zu Bette legen? Fred rutschte auf Knien und Ellbogen heran, als der Mond halb hinter einer schwarzen Wolke aufkam. Schwaden eines schweren Parfums umnebelten ihn. Der Besitzer der Motorhaube verschaffte sich indes Zugang zum Haus.
Fred wollte unbemerkt durchs Fenster schlüpfen, aber er hielt inne, verführt von seiner Fantasie um diesen eigenartigen Duft.
Er ließ seinen Körper wieder auf die mit Farbklecksen übersäten Bretter sinken, schaute auf die um sein Handgelenk gespannte Digitaluhr und versuchte angestrengt beim Vorwärtskriechen in den Raum hinter dem Fenster zu lauschen.
Es war zwei Uhr siebzehn.
Aus dem Inneren des Hauses hörte er seit dreißig Sekunden einen lauten Wortwechsel. Sie haben Paul, zitterte er, und gleich haben sie mich. Wünsche mich zuhause in mein Bett, und nächstens seriöse Lebensführung! Da vernahm er endlich etwas aus dem Fenster, ein näselndes Aufschnarchen.
Er akzeptierte. Weiter konnte er nicht, und als Mensch musste er versuchen, aus jeder Lage einen Ausweg sich zu finden. Schlangengleich leise glitt er langsam in das Schlafgemach, wo von einem auf dem Boden zersplitterten Flacon der süßlich schwere Duft verströmte.

Dreiundsiebzigjährige Rentnerin nachts mit Herzattacke ins Krankenhaus! Spuren eines Einbrechers im Schlafzimmer des Opfers. Sie beschrieb den Täter als das Monster mit den roten Augen. Täter konnte bisher unerkannt entkommen. Wird Berlin zur Hauptstadt von Kriminellen?

Paul überlas die Meldung im Kurier. Er trank gerade die fünfte Tasse Kaffee mit zwei Kopfschmerztabletten. Frühstück nachmittags um fünf.
Währenddessen fiel ein weicher Lichtschein vom bewölkten Himmel in sein Zimmer und linderte kaum seinen verkaterten Zustand. Was war letzte Nacht bloß wieder los gewesen, überlegte er erinnerungslos.
Er dachte voller Groll an Fred, der ihn so oft in den zuletzt durchzechten Nächten schwer beleidigt hatte.
`Was hat der mir wieder an den Kopf geworfen? Was der mir immer unterstellt! Den rufe ich nicht mehr an. Nie mehr!´

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Wednesday, October 05, 2005

Das Beste noch vor
Angekommen, wo es keine Rolle spielt zu sein. Nachbarn, die sabbern und zucken. Kein Wort, das ist Routine. Uns geht es blendend, flöte ich, doch keiner ist beleidigt. Die Kanten sind hier rundherum aus Gummi. Die Betten gemacht, die Flaschen kreisen, Urin. Zwei im Rollstuhl, das Frühstückstischtablett mit Pillenleiste steht am Fenster. Abstellen dauert nicht. Gegenüber im Bau, ein Fenster. Die in der Loge drüben weint. Tränen, Julia, tropfen aus deinen tiefen Schattenaugen, dein Blick ist leer, wohin? Sie isst nicht mehr, ich auch nicht. Da drücken sie mir eine Injektion rein. Habe gebissen, gestern, einen, glaube ich, und dafür denken sie sich etwas aus.
Die Wirkung kommt in einem Stoß, mein Herz pumpt, pumpt, überschlägt sich, steht still, pumpt, pumpt, das dauert. Ich, das jedenfalls, was es geworden ist in meinem Leben, schaut zu.
Lange, bis endlich Nacht, die kein Schwarzfilm ist, einfällt. Bilder, welche weiß ich nicht, Archiv nicht meiner Biografie, fremd in eigenen Träumen. Lebenskraft reißt diesen Vorhang weg.
Ein Gefühl wird ein Gesicht, ein Geruch, und gleich verfällt es. Schauen schafft das Licht für jedes Bild in dieser Nacht. Ich nicht mehr als das, Spiegel eines alten Sonnenfeuers. Beim höchsten Wirkungsgrad, erreiche Kontrolle über Muskeln. Kann ausgehen, mein Dämon ist lebendig, der schafft Vergnügen mir ohne Rücksicht. Hellwach zu mancher Nachtzeit. Werde durch meine Straßen gehen.
Laut sein in der Nacht heißt Aufruhr. Der Sterbefrieden wird gestört, weil einen Anspruch Sterbende nicht stellen dürfen. Wozu von einem anderen Leben träumen, eines ist sinnlos genug.
Ein Extrapillchen liegt bereit. Gehe mein Rechteck ab im Kreis. Kriege zwischen meine Zähne etwas, neben Fluchen: Schlucken! Schlucken! Transporte finden statt, Schiffe, Züge, Autobahnen, ich würge: Wasser!
Höre wieder Flüche, eine neue unbekannte Stimme, voller Wut und Ekel: Spülen! Spülen!
Ist zu leben ein Befehl, dann kann sich töten, wer sich ungehorsam ist.

Ich komme rein, schalte auf Unterhaltung. Guten Morgen, wünsche wohl geruht zu haben, etwas Musik? Ziehe Blicke auf mich, derer die noch hören können, sehe nach, wer an diesem Morgen wohl verstorben ist. Die Toten werden auf den Gang geschoben, die noch leben bekommen Frühstück.

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Tuesday, October 04, 2005

Aufs Amt

Herr G. las in der Zeitung. Von `ethnischen Säuberungen´ wurde berichtet. Für Sauberkeit war er auch. Fremdwörter schlug er nicht nach, weder Ethik noch ethnisch. Er besaß kein Fremdwörterbuch. Und hatte Arbeit.
Schmierereien an den Häuserwänden, die regten ihn auf. Fremde, unleserliche Schrift. GOARH! Das wird immer schlimmer, von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, fast stündlich wird geschmiert.
Schlimmer wird es, Herr G. umringt von Zeichen, die er nicht versteht, an einem Morgen, den er nicht versteht, starrt er an eine Wand. Haifischzähne, mannsgroßer Rachen, schluckt Herrn G. Als Grund von diesem Schlund ein rotes A, dem fehlt ein Bein.
Herr G. in einem Ungeheuer, findet eine Zahl, die hält er, die hält ihn fest. Zwei Ziffern in der Hand, Sinn für ein, zwei Stunden Warten.
Hätte Herr G. in ein Fremdwörterbuch geschaut, und hätte er darin den von Herrn K. für seinesgleichen eingeführten Begriff `endogenes Potential´ gefunden, ja dann hätte er gewusst, woran er mit sich ist.
So verlor er sein Potential, sein inneres Protestkapital. Das er damals noch hatte, als er ausgemustert wurde. Das, was er war, blieb nicht. Und dass es endgültig war, erfuhr er erst nach langem Warten.
Dafür traf er zufällig Herrn K., auf der Suche nach dem neuen Begriff, stammelnd vor Graffitikunst. Am Rande einer Führung.
Ach, ich heiße Groß. Ha, ha, ich heiße Klein.

Monday, September 26, 2005

Brecht ´n Roll

Brecht also verließ den Himmel, als er die Feiern anlässlich seiner Heiligsprechung nicht länger ertrug. Für die Niederkunft wählte er ein Kaufhaus in Peking (Beijing), wegen der Verfremdung und größeren Distanz. Dort erschien er den aufstrebenden Massen auf den hochfahrenden Rolltreppen zwischen den Etagen Werkzeugabteilung und Damenunterwäsche. Brecht, nach unten eilend, trat auf der Stelle, während die Massen an ihm vorbei drängelten.
Als Kunden des größten Kaufhauses der chinesischen Hauptstadt den `Geisterrolltreppenfahrer´ attackierten und mit Flüchen aus der Zeit der Kulturrevolution bedachten, floh Brecht schnell und weise aus dieser kapitalistischen Blüte inmitten eines Sozialismus zurück in sein himmlisches Exil.
Beim nächsten Versuch geriet er auf eine flotte Rutsche direkt in die deutsche Vorhölle, Abschnitt Berlin. Dort werden die Arschlöcher der zu Erwartenden schon lange vor ihrem persönlichen Erscheinen amtlich vermessen.
Peinlichst deutsche Wertarbeit verrichtende Teufel hatten gerade die Maßlosigkeit eines gegenwärtigen deutschen Politikers zur Messung.
Brecht zeigte man die Instrumente. `Ham wa dich endlich, Berti´? Doch er verwies gelassen auf seinen göttlichen Passierschein. Seit der Dreigroschenoper hatte er nicht nur bei Armen Kredit.
`Das geht alles seinen behördlichen Gang´, kicherte ein rotgehörnt Uniformierter nach Durchsicht der Dokumente, `bei uns liegt gegen sie was vor. Hier, ein Kürzel als Vermerk verweist auf eine Akte.´
Brecht erschrak. Was hatten die Spitzel wohl über ihn notiert? Er musste der Maßnahme entkommen, den Uniformierten auf seine Seite ziehen.
`War wohl nichts mit Kommunismus in Deutschland´, raunzte der ihn hämisch an.
`Na ja´, meinte Brecht, `das sieht wohl so aus. Aber man täuscht sich. Wenn ihr so weiter macht, wird bald der Kommunismus siegen´.
Der Teufel lachte schallend über diese Rede, doch Brecht fuhr fort: `Der Kapitalismus ist nur ein Zwischenspurt im Sozialismus. Wenn erst die Technik voll entwickelt ist, gibt´s keine Arbeit mehr für Keinen. Wir verteilen dann der Maschinen Profit an alle für die Kaufkraft, damit das System auch weiter funktioniert. Von mir aus nennen wir es Kommunismus, es gibt ja schließlich dann auch keine entfremdete Arbeit mehr´
Der Rotgehörnte wurde blass.
`Am Baum der Erkenntnis hängt die kapitalistische Frucht, reif für die kommunistische Ernte´, lästerte Brecht gezielt weiter.
Da stieg mit aller Macht dem Teufel die Zornesröte ins Gesicht: `Hau bloß ab´! Und Brecht ließ sich nicht zweimal bitten.
Doch der Teufel dachte nun über seinen Kapitalismus nach.
`Die Gene dieser Frucht muss ich manipulieren. Damit, was dann aus der Erkenntnis fällt, nicht Kommunismus, sondern Apokalypse heißen kann.´