Sunday, October 23, 2005

Kein Thema. Oder?
In Berlin Lichtenberg wurde bei Renovierungsarbeiten in einem Wohnblock eine Abhöranlage der Staatssicherheit entdeckt. Die kurze Notiz erschien an einem Freitag im regionalen Wochenblatt.
„Das Thema ist längst durch“, war die Meinung des Redakteurs, „wer möchte nach so vielen Jahren seit der Wende daran noch erinnert werden?“
„Die Signalübertragung läuft über die Heizungsanlage“, kichert der bekiffte Malergeselle mit den blauen Augen im Treppenhaus seinem Kollegen seitlich ins Ohr, während sie nebeneinander die Stufen hinunter hüpfen.
“Die Heizkörper in den Wohnungen schaltest du einfach auf Übertragung, wie Mikrofone in einem Konferenzsaal. Innen sieht es aus wie in einem alten Tonstudio mit Bandmaschinen. Aber was mich sehr wundert: kein Staub ist zu sehen, alles wie gestern noch benutzt. Dabei dürfte der geheime Verschlag seit Jahren nicht betreten worden sein!“
„Ach, rede doch keinen Scheiß! Soll ich jetzt etwa Angst bekommen?“ Kauzig kommentiert sein älterer Kollege das alberne Gekicher.
„Im Ernst, ich konnte jedes intime Wort der Mieter in den Wohnungen verstehen.“
Das hört auf der Treppe nebenbei S., zurück vom Besuch im Supermarkt. Von diesem Gespräch die Fetzen ergeben für sie ein Puzzle, woraus sie formt ein Bild. Die Tasche mit dem Einkauf fällt ihr aus der Hand, unter der Malerplane der harte Stufenstein zerbricht das dünne Glas einer Milchflasche, von der guten, die frisch gekauft, direkt vom Bauernhof stammen sollte.
„Ach, Mutter, muss das sein? Die Milch läuft unter die Plane, wird sauer, und bevor wir hier fertig mit Lackieren sind, wird es stinken, wie Buttersäure, Leiche. Musste mal in einer Wohnung renovieren, wo sechs Wochen lang unbeachtet lag eine Tote drin. Ein Selbstmord, entsetzlicher Gestank!“
Sie kommt eilig aus der Wohnung mit Eimer und Wischtuch, und macht sich an der milchigen Pfütze zu schaffen. Da erkennen sie an ihren Falten erst wie alt sie ist. Die harten Worte tun ihm nun leid.
„Ich kaufe Desinfektionsmittel.“
„Ach, lassen sie nur, nicht der Rede wert. Mein Kollege hat eine verschnupfte Nase, von den Lösungsmitteln im Lack. Und daher redet er auch quer.“
„Sie haben eine Abhöranlage im Haus entdeckt?“
Die beiden sehen sich an.
„Ist doch alles nicht mehr aktuell. Irgendwelche Überreste der verschimmelten DDR wird man noch in zwanzig Jahren finden. Wen interessiert denn heute noch, wer früher bei der Stasi war?“
„Mich“, flüstert S. kaum hörbar leise, „mein Leben wäre ein anderes allerdings. Wo haben sie die Anlage gefunden, etwa bei dem N. , zwei Etagen über meiner Wohnung?“
„Nichts darüber sagen, sagt das Landeskriminalamt, das die Sache untersucht. Sie sind aber nicht betroffen. Kein Mieter im gesamten Wohnblock, so viel wir wissen, keine Angst.“
„Der N. hat mir, das weiß ich, mein Leben ausgetauscht. Eine miese Arbeit, Familie weg und keine Freunde. Wissen sie, ich hatte zwei Kinder. Die sich von mir abgewendet haben. Dass ich hier noch wohne, dass ich den sogar noch sehe, können sie das denken, sich das vorstellen?“
„Ja, nein, wir bedanken uns! Sie haben sauber geputzt. Wird nicht mehr stinken. Einen schönen Tag noch!“
Die Arbeitskollegen schieben die grauhaarige Frau freundlich in ihre Wohnung, und dann einander gegenseitig die Stufen hinunter. Das immer noch bekiffte Kichern hallt wie höhnend von unten aus dem Treppenhausschacht.
„Wie unbeschwert die jungen Leute sind, wenn sie nur Arbeit haben. Seit Mauerfall gibt es in Berlin einhundertfünfunddreißigtausend Stellen weniger. Wie soll das werden?“
In ihrer kleinen Küche öffnet sie ihre Post, was als persönliche Briefe getarnt, meistens nur Werbebriefe sind.
Diesmal entnimmt sie einem Umschlag ein Faltblatt einer Partei, die ihre Bezirksverordneten mit Foto vorstellt. Sie erkennt den N. als Volksvertreter, eine furchtbare Schrecksekunde lang. Doch beim zweiten Hinsehen ist es nur eine Ähnlichkeit, die immer stärker schwindet, je länger sie das Gesicht auf diesem Foto ansieht.
„Ein Triumph des Unrechts wäre das, der ehemalige Verleumder nun als Volksvertreter in der Politik! Welch ein schmutziges Geschäft! Man sieht es ja in Russland, seit Putin ist der ehemalige Geheimdienst KGB dort an der Macht. Und hier?“
In ihrem mageren Gesicht die kleinen, lustig runden Augen blicken aus dem Fenster, hoch zur Dachkante des gegenüberliegenden Wohnblocks.
„Einmal mit dem N. sprechen, einmal die brennende Frage stellen: warum ich? Was hatte ich verschuldet?“
Links vom Herzen her ist sie noch heute, aber damals war sie nicht ausreichend links vom Verstand. Daher gegen sie Verdacht, doch dafür all das Leiden, dafür? Nein, dieser N. hatte wohl nachgeholfen.
„Weil er mich wollte, mich begehrte, in mich verliebt war.“
Ihr Bild, Versuche von Erklärung, ein Sinn aus Puzzleteilen ihres Lebens. Zusammengefügt zu einem Täterbild erst neulich. Und nun im Haus eine Abhöranlage: endlich der Beweis, die Bestätigung!
Alles kommt wieder hoch. Eine heimlich manipulierte Biografie auf einen Nenner bringen? Vielleicht eine läppische oder böse Antwort erhalten? Nein! So nicht die Selbstachtung verlieren!
„Niemals spreche ich den an! Lieber observiere ich jeden seiner Schritte, gehe ihm nach für den Rest seines Lebens. Verfolgt soll er sich fühlen, wie ich mich fühlen musste!“
Als sie den übrigen Einkauf verstaut, sieht sie wie immer auf die Küchenuhr. Gleich elf Uhr, Zeit an der Wohnungstür zu lauschen.
Er ist arbeitslos wie sie, hat aber die Gewohnheit, später aufzustehen. So gegen elf, manchmal halb zwölf, kommt er die Treppe runter. Geht dann zu Ämtern oder erledigt Einkäufe, geht flanieren und spazieren, wie ein Arbeitsloser eben seine Zeit verbringt. Und sie ihm nach.
Er weiß um seinen Schatten, und einmal ging er auf sie zu, sie anzusprechen. Da schrie sie lauthals Hilfe, so dass er augenblicklich von ihr abließ.
Eine Frau geht einem Mann nach. Sieht man selten. So fragt sich mancher nach dem Grund.
Als sie die farbbeklecksten Planen nach einer Woche wieder einrollen, ist der neue Anstrich für das Treppenhaus gepinselt und überzeugt von seinem Farbton niemand. Doch der Meister hatte nichts zu stöhnen, und das freut die beiden. Nun fühlen die Gesellen sich an keine Weisung mehr gebunden.
„Beim Streichen lausche ich wie unbeteiligt Sätzen, die nur Geheimnisträgern vorbehalten sind.“
Ein Kichern wie ein Wiehern, ein Lösungsmittelflashback des Gesellen mit den blauen Augen.
„Den Handwerker sieht man nicht mehr wieder, da achtet keiner auf sein Maul. Sollen wir die Presse informieren? Zahlen die überhaupt? Was ich mit meinen Ohren gehört habe, morgen kannst du es auf der ersten Seite lesen!“
„Ach, rede keinen Scheiß. Du machst mir Angst mit deinem Kiffen. Bist dauernd wirr im Kopf.“
„Zuerst sprach dieser N. bei den Kriminalisten vor, seinen Verdacht zu äußern, dass die S. die Anlage betreibt. Er führte an, die Dame sei vernarrt in ihn. Verfolgt ihn wohl, die Gute.“
„Und?“
„Dann erschien sie wenig später, beschuldigte den N. mit angeblichen Fakten aus Akten. Man verwies sie an die Gauck Behörde.“
„Paranoid sind sie bestimmt alle hier. Wen wundert es? Jede einzelne Karriere hier hat ihre tiefe Delle. Wem es doch besser erging, der wohnt schon lange nicht mehr in diesem tristen Wohnblock.“
Der ältere Kollege stopft die Planen in schwarze Abfallsäcke.
„Ja, ich meine, wer sich in der Wohnblocksiedlung gerne noch verstecken möchte, wohnt hier. Hör mal zu! Wen die Kriminalisten tatsächlich suchen, ist ein ehemals ranghoher Stasioffizier. Hat nach deren Vorbild im Irak Saddams Geheimdienst aufgebaut. Das sind die, die noch heute fast täglich Menschen in die Luft sprengen. Daher observiert das LKA hier, nicht etwa wegen dieser ollen Abhöranlage.“
„Dann geh mal verkaufen mit deinem Wissen. In deiner Verfassung nehmen dich weder Blatt noch Blättchen ernst. Und ich auch nicht.“
„Ich habe es mit diesen meinen eigenen Ohren selbst gehört, ich schwöre.“
„Wie hältst du denn die Abfalltüte auf? Mann, musst du noch eine Menge lernen!“

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