Stummer Spitzel
Im Instrument zur beiläufigen Beobachtung, dem Seismograph hauptstädtischer Befindlichkeit, der U-Bahn, unter der ehemaligen Hauptstadt der DDR Richtung Westberlin, ein Mann, sein Alter schwer schätzbar. Auf dem fast kahlen Schädel im Neonlicht schimmernd exakte Millimeter weiß-grauer Flaum. Er wirkt kräftig, sein markantes Gesicht maskenhaft. Mit schnellen Blicken beobachtet er jede Fahrgastbewegung im Waggon. Er könnte ein Kontrolleur sein, erregt deshalb das Misstrauen eines Schwarzfahrers.
Als der Wagen die ehemalige Staatsgrenze tunnelt, hebt ein kurzes, stoßartiges Atmen seinen Brustkorb, würgt sich heraus, um knapp hinter seinen Lippen als kaum hörbare Lache kläglich zu verenden. Für einen Moment zieht er die Blicke mehrerer Fahrgäste auf sich.
“Bornholmer Strasse, Sonntag, neunzehn Uhr. G.” Diese Postkarte, 1968 mit Maschinenschrift adressiert an seine Geliebte Karin, hatte er letzte Woche in seinem verbeulten Briefkasten in der Revaler Strasse am Ostkreuz wieder gefunden. Zurück an Absender, gekritzelt: seine alte Adresse.
Längst wohnt er außerhalb der Stadt, behält aber seine frühere Wohnung, solange sie noch geringe Miete kostet, als Zuflucht vor den Ansprüchen seiner Familie.
In diesen Räumen atmet noch unbelüftet die alte DDR. Desinfektionsmittelgeruch, Braunkohleöfen, verwohntes Mobiliar und Brummen des so genannten Weißmöbels, darin Bier und Dosenwurst, seine Rationen. Vom Dienst her ist er gewohnt, regelmäßig zu essen und zu trinken.
Unbedrängt von allen Veränderungen löst sich hier langsam das Maskenhafte seines Gesichts, zeigt sein Alter, das er nicht merkt.
Die schlichte Postkarte dreht er langsam in seinen Händen, wäre sie nach Karins Flucht in gewisse Hände geraten, Verabredung mit einer Republikflüchtigen nahe der Grenze, vorbei, seine Karriere, aus!
Er entkront eine Flasche Bier. Karin. Blonde Haare, sinnlicher Mund, lange Wimpern. Ihr Gesicht? Zu lange her, zur Verabredung nicht erschienen, Republikflucht, wie es hieß, aber wen erreichte damals die Karte?
Er trinkt ohne Glas. Im Dienst trank er nur Tee, den roten.
Wer verriet ihn nicht, bei wem sich bedanken jetzt, weshalb schickt der Nicht-Denunziant absenderlos?
“Die Mauer und das Tor” hieß die Dia-Tonbildschau des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, bei dem sie sich 1967 kennen gelernt hatten.
“Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot.” Der Ohrwurm hat Jahre inaktiv in seinem Gedächtnis überdauert, nun bohrt er los. Karins Blick, im Schein der wechselnden Lichtbilder, verheißungsvoll, auffordernd.
“Einer von ihnen ist Günter Ganßauge, Offizier der Nationalen Volksarmee, Sohn eines Arbeiters, gelernter Klempner und Installateur, seit Juni 1952 im Grenzdienst eingesetzt.”
Aus dem blechernen Lautsprecher knistert es. Er weiß, dass er sich heute betrinken wird. “Berlin ist die billigste Atombombe.” Ernst Reuter, Bürgermeister von Westberlin. Dieser Satz hatte sein Leben mit entschieden.
Wache schieben für den neuen Staat! Schockiert von den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, von Gestapoterror und Kriegshetze. Die waren die Ursache für die Teilung Deutschlands, niemand konnte ernsthaft diese Tatsache leugnen. Und was man noch alles erfuhr! Karin und er diskutierten.
“In jeder Grenze spiegeln wir uns selbst, den Stand unseres Bewusstseins wider.”
Ihre Worte klangen irgendwie dialektisch, aber zu subjektiv, Frau eben. Er war verliebt in sie, nicht in ihre Meinung, ließ sie reden, über Lyrik, ihre Leidenschaft. Nicht alle Widersprüche lassen sich sofort überwinden, auch seine nicht. Wieder summt er eine vertraute Melodie.
“Und das Schieberpack, was uns verblieben, das nach Freiheit jammert früh und spat, und die Herren, die die Schieber schieben, schieben wir per Schub aus unserm Staat.”
Kalter Novemberregen nässt die Scheiben seiner Wohnung. Erhöhte Wachsamkeit bei schlechtem Wetter! Manche möchten es nutzen. Sonntag, ist heute nicht Sonntag, bald neunzehn Uhr?
Wieder dieser Anfall von Lachen, diesmal vorm Eingang S-Bahnhof Bornholmer Strasse. Ersatzverkehr, prangt ein Schild. Ist Albert Speers Entwurf eines Zentralbahnhofes, mit einem weithin sichtbaren Stahlskelett, mit Kupferplatten verkleidet, mit Glasflächen ausgefacht und vier übereinander liegende, mit Rolltreppen und Fahrstühlen verbundene Verkehrsebenen, daran Schuld? Den New Yorker Grand Central Terminal wollte er übertreffen. Ersatzverkehr! Lehrter Stadtbahnhof. Die alten Pläne von Speer, sie taugen wohl nicht.
Als er seinen früheren Posten erreicht, tasten seine Augen automatisch die erneuerten Böschungen und Schienenstränge nach Fluchtbewegungen ab. War Karin etwa auf ihn, zur Prüfung seiner Gesinnung, angesetzt, die Karte ihre Entlastung?
Langsam folgen seine Blicke der Beschleunigung einer sich entfernenden S-Bahn auf parallelen Gleisen. Junge Gesichter hinter Glas.
Geschichte wird man ihnen erzählen, aber welche?
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