Betreten verboten!Paul hatte sich als großer Bruder angeboten. Einer, der klarstellt aus Erfahrung. Wie dieses Spiel zu spielen sei, oder wie jenes. Eine Zeit lang ging das gut. Einmal verlor er. Zufall, Fred war nicht besser, aber Paul zahlte und ging.
Als sie sich wiedersahen, war Paul betrunken, redete im Kreis. Fred trank sich ran. Spät in der Nacht trafen sie ein Baugerüst, an einem Wohnhaus. Es ragte finster in den Sternenhimmel. Tags diente es zum Weißeln einer Fassade.
`Geht jetzt die Renoviererei hier auch schon los?´ nuschelte Paul, und Fred als Antwort brüllte: `Scheiße!´
Schon hing Paul wie ein nasser Sack an einer Stange. Fred hievte ihn hoch. Er war nicht ganz so fett und schaffte es allein. Die erste Etage war ein Kinderspiel. Als ein Auto vorbei fuhr, gingen sie in Deckung.
Das Licht der Straßenbeleuchtung glänzte rötlich in ihren von Kiff, Suff und Zigaretten blutigen Augen. Die Sommerhitze glühte noch in den Gerüstbrettern, auf denen sie rücklings lagen, und leicht wehte vom Dach herunter ein Wind. Der trug ihnen einen Duft zu.
Fred lachte leise. `Wenn man uns hört?´ `Und?´ schnaufte Paul, `Kommen wir zu Besuch.´
`Ich werde mal nachschaun.´ Der Leiteraufgang war versperrt. Fred zog sich am Gerüstbau hoch. Sand rieselte von oben. Paul atmete hastig. `Und ich?´
Keine Antwort. Fred schlich allein den Gang lang, schaute in Fenster. Kam an einem Schild vorbei: Betreten der Baustelle verboten! Eltern haften für ihre Kinder. Es war montiert im zweiten Stockwerk. Fred grinste. Hinter den Fenstern war es dunkel, von innen verschlossen alle, die Wohnungen leer.
Von oben reichte er seine Hand, `Sollst abnehmen, Mollenfriedhof, Fettwanst!´ Sah keuchend runter in den Abgrund, über welchem schwebte Paul. Der blieb an einem Winkeleisen hängen, die Hose fasste ihn am Steiß. Das ging nicht ab geräuscharm: `Halt mich fest, ich hänge!´
Fred fühlte diesen Duft in seiner Nase, der verflog nicht. Der Saufgenosse hält mich auf! Endlich riss Pauls Beinkleid, hoch hievte er ihn über die Kante.
Doch kaum gerettet, schnaufte der sich wütend: Hose zerrissen, kein Einblick hinter Fensterscheiben, alberner Kinderkram. Böse blitzten seine kleinen Augen überm Zickenbart. Fred war für ihn ein Narr, ein Narr mit Koteletten.
Mit dem sicheren Instinkt des Trinkers für den Augenblick der Heimkehr schwang Paul seine Beine zurück über den Abgrund. `Hier zieht´s, ich kriege Rheuma und Blasen von dem Kalk,´ muffelte er, ohne Humor und Sternensinn für die Romantik jener blau gerahmten Stunde.
Fred sog erneut den Duft in seine Nase, genoss und schmeckte ihn fein ab auf seiner Zunge. Der große Bruder Sauf soll endlich abhaun!
`Starr keine Löcher in die Luft, ich will nach Hause!´
Pauls Stimme klang wie kurz vorm Heulen. Fred schwang sich höher. Von diesem Elend Abstand, bin ich seine Mutter? In die Stille unausgesprochener Gedanken trat beunruhigend leise gesprochen sein Name: `Fred?´ Und nach einer Weile: `Hilf mir!´
Eine Etage höher war plötzlich nah, was er so oft am Abend und in der Nacht spazierend von der Straße aus gesehen hatte. Fremd, mit einem dumpfen Gefühl im Magen, diese Familien Heimeligkeit. Bemalter Deckenstuck und hohe Räume, Regale voller Nippes, Zimmerpflanzen, Stehlampe und eine Riesenglotze.
Auf Sessel und Couch, eine Familie im Profil. Die Fenster keinen Spalt geöffnet, wie Echsen im Terrarium, die Eier brüten. Er wollte sie erschrecken, an die Scheibe klopfen, fand´s aber albern, dann abstoßend. Einer glitt lautlos hinaus, kam zurück mit Chips. Familienköpfe, festgenagelt, geradeaus ins blaue Flimmern. Kein Blick in seine Richtung. `Fred?´
`Pssst, Mann!´
Glotzengeräusche, kein Wort! Der soll vor Neid zerplatzen, was ich hier Scharfes sehe. Er überlegte, was Paul in seiner Not sich ausmalen würde. Das füllte ihn mit kaum erträglichem Vergnügen. Nervös zupfte er an einer Kotelette. `Fred?´
`Komm hoch!´
Der Satz war pure Bosheit. Paul konnte nicht. Sein Gesicht mit Zickenbart war sicher längst grün über dem Abgrund. Das war absolute Spitze, Genugtuung für seine Aufschneiderei, wie man als Profi den Queue beim Carambol hält, oder als Profi mit Effet stösst. Ha! Fred lehnte rückwärts gegen frisch getünchte Fassadenfarbe, gluckste sich in einen Lachkrampf.
Paul unter ihm suchte das System der Bauarbeiter, schlich wie Sherlock auf Zehenspitzen den Bretterlaufsteg auf und ab. Die klettern nicht wie Fred, gewiss nicht, dieser Affe!
So fand er ein gespanntes Drahtseil, womit die Leiter hochgezogen, eine Etage höher hing. Am Drahtseilende ein Zylinderschloss. Tüchtige Anstreicher, sicher ein Familienunternehmen aus Neukölln, analysierte treffend der stadtbekannte Paul.
Unten auf der Straße kroch ein Streifenwagen, wie lauernd. Paul blickte zweimal schnell hinunter, übergab sich, unten genau auf eine Motorhaube.
Bremsen, Türenschlagen, Schritte!
Paul und Fred lagen lang auf Brettern, übereinander wie auf Knast Etagenbetten. Ein Lichtkegel sauste quer und hoch, entlang an parkenden Wagen, hinauf ins Baugerüst. Streifte Pauls hohen Spitzbauch. Sein geschundenes Verdauungsorgan holte soeben wieder aus, sich zusammenballend, zum nächsten Rauswurf.
Bitte, wenn die wüssten, wie nah sie dem höheren Segen einer kotzbraunen Entdeckung sind, dachte Paul, in sich schwankend, bitte nicht, bitte nicht!
Fred´s Lachkrampf war gleich elend erstickt, sein Zwerchfell schockgefroren. Darunter eine Fettschicht unscharfer Visionen: sein letzter Abend in Freiheit, Freunde vor seinem Haftantritt bemüht, ihn aufzuheitern, Abschied in der Kneipe zum ersten Hafttag. Blutabzapfen, Drogenkontrolle.
Flach presste er seinen Körper auf die Bretter. Wieviel gab es für versuchten Einbruch? Soviel, wie sie vor Gericht daraus machen würden: Jahre!
Er betete, dass Paul nicht noch einmal kotzen müsste.
`Da freut sich einer morgen früh, wenn er das zur Arbeit mitnimmt´, kam von unten eine Polizistenstimme. Sein Kollege: `Alles aus den Fenstern, Dreck und Müll, und jetzt noch das hier. Schlimmer als im Wedding!´
Beide Streifenpolizisten wohnten in Spandau und beide verabscheuten einstimmig den Dienst in Innenstadtbezirken.
Funkgeplapper, Türenschlagen, Abfahrt!
Fred und Paul wurden wieder fröhlich, vergessen war die gegenseitige Schlechtigkeit. `Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern´, pfiff leise Fred herunter von Etage drei, während Paul unverblümt, wie das eben seine Art war, lauthals hoch nach oben brüllte: `Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!´
Beinahe schief gegangen, schon wächst Übermut. Vernehmlich das Geräusch des Fensteröffnens in Etage vier. Blechgeschepper, auf der Straße kickten Leute mit einer Büchse, machten Lärm in dieser Nacht und wurden deshalb schuldig. Die zwei im Gerüst fielen so nicht auf.
Der Hausbewohner schimpfte keifend: `Schweinefresser, Zwiebeldeutsche!´
Wer versteht noch wen in Schöneberg? Weiter ging das Blechgekicke auf dem Asphalt, jeder Jubelschrei ein Tor. Unten die nachtgeile Meute, die Mercedessterne sammelt, Antennen abknickt, Reifen aufsticht oder Fassaden neu gestaltet.
Oben der hilflos bangende Besitzer, der sein armes Opelschätzchen in der Nacht nicht mit aufs Zimmer nehmen durfte.
Fred fasste eine Hand von hinten ins Genick, die andere hielt ihm seinen Mund zu. Starr von solcher Schreckensnähe landete eine Speichelpfütze auf der Wange neben seinem linken Ohr. `Bäh!´
`Du hast mein Lieblingslied gepfiffen.´ Paul schwelgte im Überschwang von Glücksgefühlen, weil er sich allein eine Etage hoch gezogen hatte. Fred ahnte Unheil.
`Lass uns endlich abhauen, Paul!´ zischte er im Ton des Spielverderbers, und riss Paul rasch aus dem blauen Lichtschein des Familienfensters.
`Übergeschnappt? Krakeelst hier rum! Ruf doch gleich die Bullen! Soll ich dann etwa springen? Keiner schenkt uns seinen Glauben, dass wir hier eine Fensterrede proben, oder auf die Frühschicht warten.´
Paul kriegte den Gesichtsausdruck trotziges Kind. Seine Glückshormonausschüttung war selten, deshalb bitter, wenn jemand seinen Organismusorgasmus unterbrach.
Sein `Dann eben nicht´, klang wie endgültiger Abschied. Er zwängte sich auf einmal behende zwischen Querstangen, schwang sich todesmutig mit einer Hand sekundenlang finster blickend über den Abgrund. Dabei schob sich langsam eine schwarze Wolke vor den halb vollen Mond.
Mit welcher Kraft der Fettsack sich aus tiefster Finsternis in solche Höhe zieht, staunte über ihn Fred. Rette den, dem nicht zu helfen ist, dachte er dann und fasste ihn am Bein. Aber Paul trat nach ihm. `Mann, oben ist ein Mann am Fenster!´
Fred hatte nun genug, dachte an seinen Abstieg. Als er sich vornüber beugte, wehte wieder ein Lufthauch. Es war derselbe Duft.
Ein Wutschrei hallte unten im Häuserkanal mit Namen Leberstraße. Der Besitzer von der Motorhaube hatte sein Auto unter Erbrochenem entdeckt. War er der Schweinefresser? Die Dosentreter klangen leider weit entfernt, sie fielen aus als Schuldige. Mist, der Weg nach unten war versperrt!
Da ging im Treppenhaus das Licht an. Fred forschte angestrengt nach einem Ausgang, die Uhr lief jetzt gnadenlos gegen Paul und gegen ihn. Von oben wallte noch verführerischer der Duft. Eine Fensterscheibe einschlagen, aber das macht Lärm, verdammt nach oben oder unten, wie verdufte ich?
Kawumm, kawumm, kawumm, so lag er auf dem Rücken. Paul spürte seine Pumpe. Wie, so hoch war er geklettert? Den Suff einschränken und mit Filter rauchen, hatte sein Arzt gesagt. Einer mit Stammpatienten seinesgleichen und Verständnis, wozu Verbote nennen, die doch keiner befolgt?
Paul kriegte Höllendurst von der Angst wegen seines Herzens. Hier war kein Aufenthalt. So oder so nicht. Sterben oder Verdursten, war da ein Unterschied? Er zog sich zwischen Fassade und Gerüst hoch, wo ein Brett sich locker fand.
`Wenn ich den erwische,´ tönte es kaum hörbar herauf. Im Leisesprechen lag die drohende Gewalt, und im Ton dieser Stimme ein Gedankenkombinieren wie das von Studer oder Holmes. Jetzt schaut jemand aufwärts, wussten gleichzeitig Fred und Paul.
Paul zögerte nicht länger, drückte mit Kraft gleich das nächste Fenster in seiner ganzen Breite auf, lugte prüfend in ein Zimmer. Hitze staute sich darin unter dem flachen, schwarzen Pappendach. Hinein und hindurch, dachte er und als er den zweiten Fuß auf Teppichboden setzte, ging sofort das Licht an.
Neben dem blauen Lichtschein der verblödeten Familie drückte Fred sich dagegen unentschlossen im Schatten solcher Heimeligkeit herum. Ja, er wäre nun sogar ganz gerne dort hinein gekrochen, um unter Geistesabwesenden zu sein. Denn unten der Schweine- oder Menschenfresser schloss sicher messerscharf aus Aufschlagspuren, dass eine Ferkelei von solchem Ausmaß konnte nur von oben kommen.
Tückische Bodenlichtschalter und scharfe Kanten eines Glastisches überstand Paul mit heftigem Ausschlag seines Herzens, am Schienbein leicht verletzt. Er wich schweren Hanteln aus, die auf dem Boden lagen. Wer zum Schreck wohnte hier? Die Zimmertür wuchs, als er auf sie zuging, wer? Millimeterweise drückte er die Türklinke nach unten. Es knackte laut im Schloss und sie öffnete sich nicht. Da entdeckte er den Schlüssel. Abgesperrt? Wer ist dann außer mir noch hier im Zimmer? Knarrend öffnete sich die Tür, als er erschrocken die Klinke ganz nach unten drückte.
Als der Mann unten die Straße überquerte, um besser Sicht aufs Baugerüst zu kriegen, turnte Fred schnell eine Etage rauf. Aus einem offenen Fenster hing im Schein von gelbem Nachttischlampenlicht orange leuchtend eine Gardine.
Soll ich dort hinein, mich vorstellen und zu Bette legen? Fred rutschte auf Knien und Ellbogen heran, als der Mond halb hinter einer schwarzen Wolke aufkam. Schwaden eines schweren Parfums umnebelten ihn. Der Besitzer der Motorhaube verschaffte sich indes Zugang zum Haus.
Fred wollte unbemerkt durchs Fenster schlüpfen, aber er hielt inne, verführt von seiner Fantasie um diesen eigenartigen Duft.
Er ließ seinen Körper wieder auf die mit Farbklecksen übersäten Bretter sinken, schaute auf die um sein Handgelenk gespannte Digitaluhr und versuchte angestrengt beim Vorwärtskriechen in den Raum hinter dem Fenster zu lauschen.
Es war zwei Uhr siebzehn.
Aus dem Inneren des Hauses hörte er seit dreißig Sekunden einen lauten Wortwechsel. Sie haben Paul, zitterte er, und gleich haben sie mich. Wünsche mich zuhause in mein Bett, und nächstens seriöse Lebensführung! Da vernahm er endlich etwas aus dem Fenster, ein näselndes Aufschnarchen.
Er akzeptierte. Weiter konnte er nicht, und als Mensch musste er versuchen, aus jeder Lage einen Ausweg sich zu finden. Schlangengleich leise glitt er langsam in das Schlafgemach, wo von einem auf dem Boden zersplitterten Flacon der süßlich schwere Duft verströmte.
Dreiundsiebzigjährige Rentnerin nachts mit Herzattacke ins Krankenhaus! Spuren eines Einbrechers im Schlafzimmer des Opfers. Sie beschrieb den Täter als das Monster mit den roten Augen. Täter konnte bisher unerkannt entkommen. Wird Berlin zur Hauptstadt von Kriminellen?
Paul überlas die Meldung im Kurier. Er trank gerade die fünfte Tasse Kaffee mit zwei Kopfschmerztabletten. Frühstück nachmittags um fünf.
Währenddessen fiel ein weicher Lichtschein vom bewölkten Himmel in sein Zimmer und linderte kaum seinen verkaterten Zustand. Was war letzte Nacht bloß wieder los gewesen, überlegte er erinnerungslos.
Er dachte voller Groll an Fred, der ihn so oft in den zuletzt durchzechten Nächten schwer beleidigt hatte.
`Was hat der mir wieder an den Kopf geworfen? Was der mir immer unterstellt! Den rufe ich nicht mehr an. Nie mehr!´
Copyright 2005, V.E.L.